Das Publikum war hin und weg

Das Publikum war hin und weg „… wenn Philipp Mathmann seinen Sopran durch den Raum fluten lässt, hört man mit ganz gespitzten Ohren zu. Und ziemlich rasch kommt die Gänsehaut, wenn sich in Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ die Stimme des jungen Sopranisten schwerelos in die Höhe schraubt und den „Todesschauer“ ganz nah spürbar werden lässt.“
Christoph Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten Münster - 13.11.09
„Das Publikum in der vollbesetzten Kirche war hin und weg – und nicht nur wegen Philipp Mathmanns Sopran!“
Christoph Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten Münster - 13.11.09

Münster – Im 18. Jahrhundert waren sie in ganz Europa die Pop-Stars Nummer Eins, wo immer Kastraten wie Farinelli oder Caffarelli sangen, fielen die Damen der Gesellschaft reihenweise in Ohnmacht. Heutzutage gibt es keine Kastraten mehr, heute fällt im Publikum auch niemand mehr um. Und dennoch: wenn Philipp Mathmann seinen Sopran durch den Raum fluten lässt, hört man mit ganz gespitzten Ohren zu. Und ziemlich rasch kommt die Gänsehaut, wenn sich in Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ die Stimme des jungen Sopranisten schwerelos in die Höhe schraubt und den „Todesschauer“ ganz nah spürbar werden lässt.

Gespannte Stille am Mittwoch in der Überwasserkirche angesichts einer klingenden Botschaft, die ohne Umweg über den Verstand direkt die Seele berührt. Pergolesis ausgedehnte Marienklage ist eine Kostbarkeit. Und so wird sie auch vom Ensemble „Symphonia Nova“ behandelt. Die fünf vom Cembalo begleiteten Streicher zeigen Sensibilität für die große Ausdruckskraft dieser Musik, die neben dem Sopran auch einen Altus verlangt. Daniel Lager übernimmt diese Partie, singt mal allein, mal im Duett mit Philipp Mathmann, präsentiert eine voluminöse, markige Stimme, die hin und wieder eine Spur zu explosiv nach vorn stürmt und harte dynamische Kontraste vermittelt. Gleichwohl: die Balance stimmt, das Ganze spannen Sänger und Instrumentalisten unter einen großen geschlossenen Bogen.

Überhaupt ist das Niveau bemerkenswert, dass das gerade einmal ein Jahr „alte“ Ensemble Symphonia Nova an den Tag legt. Inspiriert von der historischen Aufführungspraxis, setzt es auf einen glasklaren Streicherton, nimmt dabei das Risiko von Intonationstrübungen der hohen Stimme in Kauf. Schlank und höchst konzentriert deuten die jungen Studierenden auch Joseph Haydns „Salve Regina“, bei dem der fabelhafte Tenor Nils Giebelhausen und Sangywoon Park mit sehr klangschönem Bass die vokale Seite auf Quartettstärke bringen. Auch Haydn entpuppt sich als ein Juwel, das jedoch im „ganz normalen“ Konzertbetrieb nahezu unbeachtet bleibt. Das kann man von dem berühmten „Adagio“, das angeblich Tomaso Albinoni komponiert hat, nicht sagen. Ein Zehn-Minuten-Ohrwurm ist das, mit deutlich sentimentalem Einschlag. Aber: das passte in die Gesamtstimmung des Konzertes. Das Publikum in der vollbesetzten Kirche war hin und weg – und nicht nur wegen Philipp Mathmanns Sopran! Christoph Schulte im Walde, WN Münster – 13.11.09