Der Sopranist im Medizin-Hörsaal

„Hoch und glasklar klingt die Stimme durch das Hauptschiff der Überwasserkirche.“
Tobias Wesselmann (Münster), 16.11.2009

Ein Leben zwischen Musik und Medizin – auch für die „Symphonia Nova“

Münster (mfm/towe) – Hoch und glasklar klingt die Stimme durch das Hauptschiff der fast menschenleeren Überwasserkirche. Es wird geprobt am Mittwochnachmittag – im Sopran, der höchsten menschlichen Stimmlage, die fast nur Frauen beherrschen. Am Abend gibt die „Symphonia Nova“, ein junges Streichensemble an der Universität Münster, ein Konzert. Kaum zu glauben: Der da in höchsten Tönen singt, ist ein Mann. Und in höchsten Tönen schwärmen inzwischen auch die Konzertkritiker von Philipp Mathmann, Sopranist und Medizinstudent im sechsten Semester.

Mathmann ist jung, Jahrgang 1986. Mit vier Jahren bekam er erstmals Klavierunterricht, spielte im Jugendalter als Pianist in Jazzbands und als Organist im Kreis Soest. Seit 2003 nimmt Mathmann professionellen Gesangsunterricht. Erst als Bariton – bis sich drei Jahre später eine seltene Begabung zeigte: Mathmanns Stimme trägt in weit höhere Sphären. „Wenn der Bariton im Chor Pause hatte, habe ich den Sopran mitgesungen“, erzählt Mathmann. Harduin Boeven, damals Chorleiter und Kantor an der Lippstädter Nicolaikirche, habe ihm das nicht geglaubt – „er war davon überzeugt, dass er die Männerstimme hätte heraushören müssen“. Weit gefehlt. Auf Rat Boevens stellte sich Mathmann beim Countertenor und Kölner Musikprofessor Kai Wessel vor, der ihm beeindruckt zur Sopranausbildung riet. So begann Mathmann 2007 gleich eine Art „Doppel-Studium“: An der Universität Münster studiert er nun Humanmedizin, nebenbei gibt ihm die Münsteraner Konzertsopranistin Heike Hallaschka Privatunterricht.

In der Überwasserkirche wird noch an der Aufstellung gefeilt, die Orgel muss ein bisschen näher zu den Streichern, weg von der Säule rechts an der Altarebene. Am Instrument wird Harduin Boeven spielen, der „Entdecker“ des jungen Soprans. Boeven leitet die Symphonia Nova gemeinsam mit Mathmann, der die Gründung des kammermusikalischen Ensembles Ende 2008 anregte. „Ich hatte mehrere Kommilitonen mit Konzert- und Wettbewerbserfahrung“, erklärt Mathmann: „So kam es zur Idee, ein Ensemble aufzuziehen, dass sich auf die Musik des 18. Jahrhunderts konzentriert – Boeven war schnell für das Projekt gewonnen.“

Streichinstrumente sind eine Medizinerdomäne, zumindest im münsterschen Ensemble: Ein Mathematikstudent spielt den Kontrabass, die übrigen Instrumente – Violinen, Violen und das Violoncello – liegen fest in der Hand von Medizinern, Medizin- und Zahnmedizinstudenten. „Wenn Konzertphasen auf Klausurphasen treffen, wird es hart“, sagt Britta Schuhknecht, die Erste Violinistin; „aber wenn man das gern macht, findet man Zeit dafür“. Die Zeit muss sich auch Mathmann erst einmal schaffen: „Vor kurzem war ich zu einem zweimonatigen Forschungsaufenthalt am Bostoner Massachusetts General Hospital, dem Hauptlehrkrankenhaus der Harvard Medical School. Für Musik war da keine Zeit.“ Die Doppelbelastung führe dazu, dass die Prioritäten sich phasenweise abwechseln. In diesen Wochen stehen wieder die Konzerte im Vordergrund, auch wenn schon zwei Tage nach diesem Auftritt wieder eine Klausur ansteht.

Rund zwei Stunden später beginnt das Klassik-Konzert. 300 Karten hat die Symphonia Nova an der Abendkasse verkauft, die Kirchenbänke sind nun voll besetzt. Gespielt wird Pergolesis „Stabat Mater“ in f-Moll, außerdem Albinoni und Haydn – mit weiteren Sängern, die nicht zum Ensemble gehören. Der Abend wird ein voller Erfolg: „Wir mussten sogar später anfangen, weil die Schlange vor der Kasse einfach nicht kürzer wurde“, so Mathmann. Die nächste Konzertreihe mit der Symphonia Nova ist für März geplant. Bis dahin arbeitet er mit anderen Musikern zusammen, so etwa mit dem Domorganisten Thomas Schmitz aus Münster. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag (18.-20. November, jeweils 18.30 Uhr) steht Mathmann als Sopransolist auf der sakralen Bühne: Im St. Paulus-Dom wird er unter anderem Johann Sebastian Bachs „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“ singen. Wegen des erwarteten Andrangs wird an den drei Abenden das gleiche Programm geboten. Ob er sich vorstellen könne, Berufssänger zu werden? „Wenn morgen die Metropolitan Opera in New York anklopfte, würde ich’s mir überlegen“, sagt Mathmann mit einem Augenzwinkern: „Aber da ich erst seit knapp einem Jahr regelmäßig auf der Bühne stehe, ist es schwer zu sagen, wohin mich die Musik noch führen wird.“ So sei die Musik einfach ein guter Ausgleich für die Seele.