Größer, raumergreifender, dynamischer

„Größer, raumgreifender ist sein Sopran geworden, auch breiter in den dynamischen Möglichkeiten. Hinsichtlich der Intonationsgenauigkeit ließ Mathmann keine Wünsche offen. Beste Voraussetzungen also, sein Publikum zutiefst zu berühren. “
Chr. Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten - 27.10.2014

von Chr. Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten – 27.10.2014

Münster. Fünf Jahre ist es her, dass Philipp Mathmann mit einem Konzert in Münster für Erstaunen und Begeisterung sorgte – weil er nicht nur schön, sondern auch sehr hoch sang! Denn Philipp Mathmann ist Sopranist. Davon gibt es nicht sonderlich viele. Umso schöner, dass dieser ungewöhnliche Musiker jetzt wieder einmal in Münster zu Gast war, dort, wo seine Karriere (auch) begonnen hat.

Vieles ist in der zurückliegenden Zeit geschehen: Mathmann hat sein Medizin-Studium abgeschlossen und arbeitet jetzt in der HNO-Klinik der Universität Köln. Er arbeitet aber auch weiter an seiner Ausnahme-Stimme. Und das hinterlässt Spuren, wie die beiden „Salve Regina“-Vertonungen bewiesen, mit denen Mathmann am Samstag in der Überwasserkirche zu erleben war. Zwei im Charakter ganz unterschiedliche Kompositionen: die eine reich verziert und über weite Strecken bewegt (von Nicola Porpora), die andere eher introvertiert, sinnierend (von Giovanni Battista Pergolesi).

Welche ist schöner? Gute Frage! Vielleicht die Version von Pergolesi mit ihrer fast schon schmerzhaften Chromatik, die das Ensemble „Barockmanufaktur“ als Mathmanns instrumentaler Partner so wunderbar intensiv auskostete. Und für den Sänger bot dieses Stück tolle Gelegenheiten, seinen Stimmumfang bis oben hin auszunutzen. Größer, raumgreifender ist sein Sopran geworden, auch breiter in den dynamischen Möglichkeiten. Und hinsichtlich der Intonationsgenauigkeit ließ Mathmann ohnehin keine Wünsche offen. Beste Voraussetzungen also, sein Publikum zutiefst zu berühren. Und als er vom „Tal der Tränen“ sang, schwang unterschwellig schon die Gewissheit mit, dass Trauer und Weinen im irdischen Jammertal nicht das letzte Wort behalten.

Die „Barockmanufaktur“ gab sich die Ehre mit Corellis d-Moll-Sinfonia und Bachs Cembalokonzert A-Dur mit der fantastischen Solistin Barbara Adamczyk – beides mit großer Vitalität musiziert, aber ohne jene Wildheit und Aggressivität, die man inzwischen bei doch einigen Spezialensembles kritisieren muss. Hier nicht!

Philipp Mathmann wird übrigens in vier Wochen im Rahmen des renommierten Festivals „Winter in Schwetzingen“ auf der Opernbühne stehen: als Solist in Niccolo Jomellis „Fetonte“ – und dies noch bis Ende Januar 2015. Die Karriere geht also weiter.