Held wider Willen

„Philipp Mathmann fällt vor allem darstellerisch als Sonnengott und Meeresgott positiv auf.“
Opernnetz, Eckhard Britsch - 29.11.2014

Scheitern vorprogrammiert. Zum einen, weil Fetonte das Unmögliche will, nämlich einen Tag lang Papas Sonnenwagen durch den Orbit zu lenken. So etwas aber muss einer gelernt haben. Zum anderen, weil Fetonte eigentlich gar nicht will. Doch Mamis Liebling soll zeigen, dass er, der Erfinder-Träumer, doch etwas drauf hat. Schon aus machtpolitisch-dynastischen Gründen, denn das Reich ist bedroht und Mutter Climene möchte es sichern.

O je, es ist die alltägliche Geschichte von menschlicher Hybris, die der vor 300 Jahren geborene Niccolò Jommelli nach dem recht kruden Libretto von Mattia Verazi für den kunstsinnigen Württemberger Carl Eugen vertont hatte, der es 1768 im Schlosstheater Ludwigsburg uraufführen ließ und ob der ausstatterischen Opulenz fast die Staatsfinanzen ruinierte. Jetzt, im bezaubernden Rokokotheater, wohin Heidelberg gerne den künstlerischen Abstecher „Winter in Schwetzingen“ unternimmt, erzählt Jungregisseur Demis Volpi eine ebenfalls alltägliche Geschichte. Ein Tagträumer bastelt an Erfindungen herum, dem Schneider von Ulm ähnlich versucht er sich an einer Flugmaschine. Doch eher geht es ihm um die Idee an sich, auch um die Erkenntnis der Natur, stöbert er doch in allerlei Folianten herum, die seiner Studierstube den Nimbus einer Gelehrten-Heimstatt geben. Von der Außenwelt schottet er sich ab, die interessiert ihn wenig, nicht einmal die Liebe kann ihn aus seinem Phlegma erlösen.

Diese Figurenzeichnung ist ein großes Plus dieser Inszenierung, denn sie macht Scheitern aus Weltfremdheit heraus plausibel, zeigt sie doch einen Helden wider Willen. Und mit dem Counter Antonio Giovannini hat das Haus einen überzeugenden Sänger-Darsteller gewonnen, der die von Katharina Schlipf verstaubt-bürgerlich eingerichtete Bühne subtil beherrscht. Er ist ja ein Getriebener, weil Mutter Climene ihn mit Erwartungshaltung befrachtet und ihm die große Tat abverlangt, um das Reich zu sichern. Jeanine De Bique profiliert diese Figur mit messerscharf geführtem Sopran und herrisch attraktiver Geste. Auch eine andere Frau tritt in sein Leben, die Verlobte Libia, vom Mezzo Elisabeth Auerbach mit liebenswerter Demut ausgelotet. Aber kaum tritt das erste Problem auf, verliert sich Fetonte in vage Vermutungen von Untreue und bleibt desinteressiert. Seine Basteleien sind ihm wichtiger.

Dieses Psychogramm eines unreifen jungen Mannes ist bestechend. Volpi, der vom Ballett kommt, gelingt zudem eine sehr geschmeidige, individuelle Personenführung, teilweise in Slowmotion, von der alle profitieren. Rinnat Moriah glänzt mit heller, genauer und agiler Koloratur als Teti und Fortuna; Philipp Mathmann fällt vor allem darstellerisch als Sonnengott und Meeresgott positiv auf, während Artem Krutko den Ägypterkönig Epafo mit etwas schillernder Counterstimme als einen Typen vorstellt, der weniger an Staatsgeschäften als an der gut bestückten Bar interessiert ist. Sein Gegenspieler ist Orcane: Namwon Huh in Uniform wirkt stimmlich gegen Ende etwas angestrengt, doch sein lyrischer Tenor hat eigene Qualitäten.

Seit Jahren beschäftigen sich die Heidelberger Philharmoniker für das Barockfestival „Winter in Schwetzingen“ verstärkt mit historischer Spielweise. In Fetonte glückt ihnen das unter der Leitung von Felice Venanzoni gut, weil sehr intensiv, voll affektiver Akzente und mit streckenweise energischem Feuer.

Das Premierenpublikum ist mit der Produktion rundweg hoch zufrieden.

Opernnetz, Eckhard Britsch – 29.11.2014

Foto: Annemone Taake (Theater Heidelberg)