Man agiert ganz anders mit dem Publikum

LIPPSTADT – Sie galt als die größte Sängerin, die Deutschland je hervorgebracht hat, und riss selbst Goethe zu Begeisterungsstürmen hin. Der reimte nach einem Auftritt der „Demoiselle Schmehling“, wie Elisabeth Mara 1771 noch hieß, völlig euphorisiert: „Unter die Beglückten / Riss Dein herrschender Gesang / Mich den Hochentzückten.“ Doch das bewegte Leben der Operndiva taugt auch selbst zum Bühnenstoff. Das beweist zurzeit das Potsdamer Musiktheater-Ensemble I Confidenti, das im Rahmen des „Barocken Theatersommers Sanssouci 2011“ das szenische Konzert „La Mara – Die Primadonna“ präsentiert. Der aus Lippstadt stammende Sopranist Philipp Mathmann hat in der Produktion sein Operndebüt gegeben. Nach der Premiere sprach der Patriot mit dem 24-Jährigen, der im „Hauptberuf“ in Münster Medizin studiert.

Sie haben am Freitag Ihr Operndebüt gegeben. Wie war die Premiere?

Mathmann: Ausverkauft, das ist ja schon ganz motivierend (lacht). Und es hat sehr viel Spaß gemacht. Doerthe Maria Sandmann, die die Hauptrolle singt, hat wunderbar gesungen. Ich war beinahe neidisch, aber das ist auch eine gestandene Sopranistin, die seit 20 Jahren international im Geschäft ist. Das war schon toll, neben so einer Person sein Debüt zu singen an so einem schönen Ort wie Schloss Sanssouci.

Wie sind Sie zu dem Engagement gekommen?

Mathmann: Ich bin angerufen worden, ganz spontan. Ich war quasi die Zweitbesetzung. Eigentlich sollte Jörg Waschinski singen, ein Sopranist aus Berlin. Der hat aber abgesagt, und dann stand alles auf der Kippe, weil man die Rolle unbedingt mit einen Sopranisten besetzen wollten. Irgendwie ist man dann auf mich gekommen, ich bin zum Vorsingen gefahren und sie haben mich genommen.

Bei „La Mara“ handelt es sich nicht um um eine traditionelle Oper, sondern um eine Collage aus Arien, Duetten, zeitgenössischen Texten und pantomimischen Spielszenen, die das Leben der Sängerin Elisabeth Mara beleuchten. Was ist Ihr Part darin?

Mathmann: Ich verkörpere in verschiedenen Rollen die männlichen Personen, die Elisabeth Mara in ihrem Leben begegnet sind und sie in irgendeiner Weise geprägt haben. Am Anfang bin ich zum Beispiel ihr Freund aus der Kindheit und wir singen ein Duett zusammen, so etwas ganz Unbefangenes. In der zweiten Szene, in der ich auftrete, bin ich ihr großes Sängervorbild, ein Countertenor, den sie in Braunschweig am Theater kennen gelernt hat, und später bin ich ihr Liebhaber. Es sind ganz verschiedene Rollen.

Die Inszenierung orientiert sich an der gestischen Darstellungspraxis des Barock und des Rokoko. Wie muss man sich das vorstellen?

Mathmann: Das habe ich mich am Anfang auch gefragt (lacht). Es ist eine sehr eigene Art, sich zu bewegen. Die Bühne ist gedacht als eine Art Standbild, in dem der Schauspieler nur eine bewegte Figur ist. Man versucht dabei besondere Gefühle mit besonderen Gesten herauszustellen. Es ist eben nicht das Naturalistische, Fließende, wie man das aus dem Alltag kennt. Man friert oft ein in bestimmten, manchmal ein bisschen exzentrischen Haltungen. Die müssen die Form haben wie in alten Gemälden, wenn sich da zwei Leute unterhalten, gucken sie sich nicht an, sondern aus dem Bild herraus. Und so hat das damals wohl auch auf der Bühne ausgesehen: Wenn man sich unterhält, guckt man wie über einen Spiegel im Publikum den anderen an.

Normalerweise stehen Sie relativ statisch auf der Bühne oder in einer Kirche und singen. War es sehr schwer, sich umzustellen?

Mathmann: Es war schon ganz anders, die Sachen zu lernen. Ich habe ja damals in Lippstadt viel mit Dagmar Weinert gemacht, zum Beispiel „Mary Poppins“ und „Rydell High“, deshalb war ich es gewohnt, mich auf der Bühne zu bewegen und zu singen. Aber das ist jetzt schon etwas anderes, weil es eine sehr besondere Art ist, sich zu bewegen, und man bestimmte Sachen in einer solchen historischen Form einfach nicht darf. Aber das war sehr spannend.

Haben Sie jetzt Blut geleckt, oder ist Ihnen das reine Singen lieber?

Mathmann: Bei dem reinen Singen fühle ich mich mehr zu Hause. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in den letzten zwei Jahren 70 Konzerte gegeben habe, bei denen ich nur gesungen und mich nicht bewegt habe. Das war jetzt wirklich mein Debüt mit hinter der Bühne umziehen, Maske vorher und hinterher und allem, was dazu gehört. Es ist schon irgendwie schöner weil es bewegter ist. Man agiert mit dem Publikum ganz anders und kann mehr von sich persönlich da reingeben.

Sie arbeiten gerade im Rahmen Ihres Medizinstudiums an Ihrer Promotion. Angehende Ärzte sind nicht gerade dafür bekannt, übermäßig viel Zeit zu haben. Wie lässt sich das mit der Musik unter einen Hut bekommen?

Mathmann: Ich habe Phasen, in denen ich mehr auf die Musik und Phasen, in denen ich mich mehr auf die Medizin konzentriere. Das erfordert schon Disziplin, der Tag hat eben nur 24 Stunden. Aber es gibt Phasen, in denen es sehr anstrengend ist, wenn ich zum Beispiel mehrere Konzertprogramme im Kopf haben muss und dann noch eine Klausur reinrutscht. Das wird dann manchmal etwas eng, aber das ist ja absehbar und man hangelt sich dann immer wieder zu Pausen hin, das geht.

Könnten Sie sich auch vorstellen, die Medizin zugunsten der Musik an den Nagel zu hängen?

Mathmann: Wenn die passenden Angebote kommen, ja (lacht). Vom Spaßfaktor auf jeden Fall. Ich mag die Medizin schon sehr gerne, das ist superspannend, aber richtig Herzblut stecke ich eigentlich mehr in die Musik. Wenn es wirklich eine Perspektive gäbe, davon gut leben zu können, würde ich es machen, aber so lange das alles noch in den Startlöchern steckt, bin ich sehr dankbar, dass ich die Medizin als Rückhalt habe und als Brotberuf immer haben werde. – balzer