Mann und Sopran

„Eine artifizielle Musik, die keinen Gestus auslässt und fast an einen Madrigal erinnert. Mathmann bot das eine Spielwiese, um seine ganze Bandbreite zu zeigen, die selbst in der Höhe noch viel dynamische Gestaltung zulässt.“
Schwäbisches Tagblatt, 12. Oktober 2010
„Der Sopranist setzte in der Eingangsarie die geheimnisvolle Mischung von Vergnügen und Melancholie des Textes gesanglich wunderbar um. Erzählerisch und im gelungenen Wechsel mit der Orgel erklangen die Rezitative.“
Schwäbisches Tagblatt, 12. Oktober 2010

Tübingen. So glockenklar, ohne Schleifen der Stimme, ohne Vibrato setzte Philipp Mathmann in der Arie „How beautiful are the feed“ aus Händels Messias an. „Zauberhaft“ ist ein großes Wort, aber für das Konzert am Samstag in der Tübinger Michaelkirche darf man die Vokabel wählen. Der Gesang des 23-Jährigen füllte den weiten Raum der Kirche, alternierend mit der wohl dosierten Begleitung von Organist Thomas Schmitz. Rund 100 Gäste waren der Einladung des Förderkreises Kirchenmusik an St. Michael gefolgt. Eine passable Zahl Besucher angesichts der Tatsache, dass zwar die Fachwelt auf Mathmann schon aufmerksam geworden ist, doch Countertenöre wie Andreas Scholl oder neuerdings Philippe Jaroussky noch das Maß der Dinge sind.

In deren artifizielle Klangfärbung muss man sich erst hinein hören. Anders bei Mathmann. Der Westfale aus Lippstadt war schon als Jugendlicher musikalisch umtriebig. Sein Talent für das Falsett entdeckte sein Chorleiter aber erst spät. Mathmann sang zum Spaß bei den Sopranpartien mit, die er um die schönen Melodien beneidete, wie der dem Westdeutschen Rundfunk erzählte. Er dachte, das könne jeder, nur schicke es sich wohl für einen Mann nicht. Nun kennt er sein Talent und schult die Stimme – doch studiert Medizin. Den Druck einer Profikarriere scheut er bislang.

Mathmann brillierte auch mit weiterer Alter Musik. Von dem weiniger bekannten italienischen Frühbarockkomponisten Steffano Bernadi sang er das Magnificat, begleitet an der Truhenorgel. Eine artifizielle Musik, die keinen Gestus auslässt und fast an einen Madrigal erinnert. Mathmann bot das eine Spielwiese, um seine ganze Bandbreite zu zeigen, die selbst in der Höhe noch viel dynamische Gestaltung zulässt.

Von Bach spielte Schmitz die F-Dur-Fuge (BWV 540), für die mit pastoralem Klang anging, von dem aus er ein transparentes Spiel entwickelte, das lediglich am Ende leicht ausfranste. Wieder mit Mathmann zusammen erklang zum Abschluss die Kantate „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“ (BWV 84). Der Sopranist setzte in der Eingangsarie die geheimnisvolle Mischung von Vergnügen und Melancholie des Textes gesanglich wunderbar um. Erzählerisch und im gelungenen Wechsel mit der Orgel erklangen die Rezitative. Wie ein Bonbon war der inniglich gesungene und registrierte Choral.

Das Publikum war begeistert und applaudierte ausgiebig, was die beiden Künstler mit einer Zugabe aus Händels Messias dankten. Schwäbisches Tagblatt, 12. Oktober 2010