Musikalisches Kleinod zur Passionszeit

Musikalisches Kleinod zur Passionszeit „In Mathmann und L. hatten sich zwei gleichstarke Ausnahmestimmen gefunden… so kam manch einer der Besucher nicht umhin, pure Bewunderung und Dankbarkeit für die talentierten jungen Leute zu empfinden, …“
Sandra de Jong, Münster, MVZ - 30.03.09

Ottmarsbocholt – „Tja, ab jetzt dürfen wir Laien wohl nicht mehr singen“, flüsterte eine Besucherin ihrer Banknachbarin mit einem Augenzwinkern zu, als der Applaus abgeebbt war. Zu groß war ihrer Meinung nach wohl der Unterschied zwischen dem, was man landläufig als Gesang bezeichnen mag und dem, was Philipp Mathmann (Soprano) und Daniel Lager (Altus) am Sonntagabend in der Pfarrkirche St. Urban zu bieten hatten. Und sollte die Passionsmusik mit der „Symphonia nova“ auch eigentlich Gelegenheit zur Besinnung und Andacht in der vorösterlichen Zeit bieten, so kam manch einer der Besucher nicht umhin, pure Bewunderung und Dankbarkeit für die talentierten jungen Leute zu empfinden, die ihre unterschiedlichen Begabungen in den Schmelztiegel geworfen hatten. Neben den beiden Sängern waren es auch die hervorragend aufeinander eingespielten Instrumentalisten, denen die gelungene Umsetzung des Stabat Mater von Pergolesi zu verdanken war: Die gespannte Konzentration der Studenten, bevor Leiter Harduin Boeven die Hand zum Einsatz gab, senkte sich bis über das Publikum, und man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Britta Schuhknecht, Benjamin Warlich (Violine), Regine Beckmann, Ludwig Zeller (Viola), Benedikt Kleineidam (Violoncello) und Ben Sahlmüller (Kontrabass) zauberten gemeinsam mit Boeven am Spinett einen Hauch von Kammermusik nach Ottmarsbocholt. In Mathmann und Lager hatten sich zwei gleichstarke Ausnahmestimmen gefunden, die die Sätze des Stabat Mater gemäß der Vorlage von 1734 mal solistisch, mal als Duette vortrugen und dabei stimmliche Räume erschlossen, die für die Mehrheit der Menschen kaum denkbar geschweige denn erreichbar sind. Ein feinsinniges Gespür füreinander, ein sensibler Harduin Boeven als musikalischer Leiter, die Gewissheit, das eigene Instrument zu beherrschen – diese Mischung ließen so manchen Zuhörer vergessen, dass es sich bei den Mitgliedern der Symphonia nova um junge Menschen handelt, die im „wirklichen Leben“ meist gerade erst ihren Studienabschluss anstreben.

Den ersten Part des Programms gestaltete Harduin Boeven, Kantor an St. Nicolai in Lippstadt, von der Orgeltribüne aus: Anlässlich des Haydn-Jahres 2009 spielte er ausgewählte Sätze aus „Die letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“ in eigener Bearbeitung und bewies eine treffsichere Intuition bei der Registrierung der historischen Fleiter-Orgel, so dass immer wieder Haydns zugrunde liegende Orchesterfassung durchschimmerte.

Mit minutenlangen stehenden Ovationen bedankten sich die Zuhörer bei den jungen Akteuren, wohl wissend, dass Ottmarsbocholt in den Genuss eines außergewöhnlichen musikalischen Kleinods gekommen ist: Neben St. Urban ist die Symphonia nova mit dem Stabat Mater lediglich in Lippstadt, Hameln und Münster zu Gast.

Sandra de Jong, MVZ – 30.03.09