Unvollständige Männer als vollständige Popstars

„Mathmanns praktisches Plädoyer in Arien von Pergolesi, Porpora und Händel gelingt hinreißend. “
Nordwest-Zeitung, Horst Hellmann - 05.09.2016
„Mathmann intoniert überaus sauber, stichelt die Affekte vibratofrei aus und setzt Verzierungen zurückhaltend. “
Nordwest-Zeitung, Horst Hellmann - 05.09.2016
„Mathmann demonstriert höchst anschaulich, warum diese Stimmen als Sinnbild ewiger Jugend galten und wegen des erotischen Reizes so verehrt wurden.“
Nordwest-Zeitung, Horst Hellmann - 05.09.2016

OLDENBURG – René Jacobs, der Spezialist für Alte Musik, hat vor Jahren einmal ausgerufen: „Es gibt keine Kastraten mehr – was jetzt?“. Kristina Maidt-Zinke, Musik- und Kulturredakteurin aus München, sagt ganz aktuell auf der Bühne im Oldenburger Schloss: „Dass es heute keine Kastraten mehr gibt, ist natürlich gut – aber andererseits auch schade.“ Musikalisch, klarer Fall.

Was also nun? Beim Gastspiel des Musikfestes Bremen in Oldenburg wandeln Moderatorin Maidt-Zinke, die niederländische Erfolgsautorin Margriet de Moor und der Sopranist Philipp Mathmann auf den Spuren der singenden Halbmänner des 18. Jahrhunderts. Die Autorin, selbst einst Konzertsängerin, hat in ihrem Roman „Der Virtuose“ dem Kastraten Gasparo Conti fantasievoll und anatomisch kundig ein Denkmal gesetzt. Passagen daraus liest sie in diesem gut besuchten „literarisch-musikalischen Kabinett“.

Die Auszüge nähern sich dem doppelgeschlechtlichen Reiz der Gesangstars direkter als die Musik. Sänger Mathmann, im Zweitberuf Arzt und Spezialist für Stimmheilkunde an der Berliner Charité, kann technisch einiges zur Stimmbildung bei den Kastraten erläutern. Kindlich klein geblieben war deren Kehlkopf. Doch hinzu kam bei ihnen ein enormes Lungenvolumen. Farinelli, Carestini, Senesino, Bernacchi oder eben Gasparo waren Popstars. Sie brachten das Publikum mit ellenlangen Koloraturen, endlos ausgeschmückten Ornamenten und einem Stimmumfang bis zum dreigestrichenen D zur Raserei.

Doch gehört haben heutige Musikkenner die männlichen Soprane des 18. Jahrhunderts natürlich nicht. Auch Mathmann räumt ein, dass heutige Sopranisten sich dem einstigen Klangcharakter nur annähern können. Sein praktisches Plädoyer in Arien von Pergolesi, Porpora oder Händel gelingt mitreißend. Mathmann intoniert überaus sauber, stichelt die Affekte vibratofrei aus, setzt Verzierungen zurückhaltend. Er demonstriert höchst anschaulich, warum diese Stimmen als Sinnbild ewiger Jugend und wegen des erotischen Reizes so verehrt wurden. Das Barockensemble „Il Giratempo“ mit fünf Streichern, Cembalo und Theorbe fasziniert mit feiner Poesie, kann aber auch beherzt zugreifen und alle Hörer durchschütteln.

Immerhin: Nicht das ganze Leben der Kastraten war beschnitten, jedenfalls nicht das der Erfolgreichen. Es galt in gehobenen Kreisen in Italien bei Frauen als chic, sich einen Kastraten als gefahrlosen Liebhaber zu halten. „Sie waren durchaus nicht aller Freuden des Lebens beraubt“, sagt die Moderatorin. Und die Autorin rezitiert die entsprechenden Kapitel.

Nordwest-Zeitung, Horst Hellmann – 05.09.2016