Babytausch mit fatalen Folgen

„Die Partie des Zelim ist mit dem Sopranisten Philipp Mathmann besetzt, der die Sanftheit des Charakters durch seine sehr weiche und hohe Kopfstimme unterstreicht.“
Online Musik Magazin, Thomas Molke
„Besonders hervorzuheben ist Mathmanns Arie "Tu m'offendi" im ersten Akt, in der er beklagt, dass Rosane Melindo den Vorzug gibt.“
Online Musik Magazin, Thomas Molke
„Mit halsbrecherischen Koloraturen präsentiert Zelim (Philipp Mathmann) großes Selbstbewusstsein, nachdem Mamud ihn zum rechtmäßigen Thronfolger ernannt hat.“
Online Musik Magazin, Thomas Molke

Von Thomas Molke/ Fotos: © Sebastian Bühler

Nachdem man in den letzten sieben Jahren beim Barock-Festival Winter in Schwetzingen einen Querschnitt durch die „scuola napoletana“ präsentiert hat, die als musikalische Epoche ein wichtiges Bindeglied zwischen Barock und Klassik darstellt, beschäftigt man sich dieses Mal wieder wie in den ersten Jahren des Festivals mit dem Opernschaffen Antonio Vivaldis, der leider immer noch auf den deutschen Opernbühnen sträflich vernachlässigt wird. Der Name dieses begnadeten Geigenvirtuosen aus Venedig wird heute vor allem mit seinen zahlreichen Instrumentalwerken assoziiert, von denen die vier Jahreszeiten am bekanntesten sein dürften. Dabei schlug sein Herz eigentlich für die Oper, auch wenn er sich erst im Alter von 35 Jahren relativ spät mit dieser Gattung beschäftigte. Er selbst gibt an, knapp 100 Opern komponiert zu haben, von denen 35 Werke und einige Pasticcios erhalten sind. Seine 13. Oper La verità in cimento entstand für die Karnevalssaison 1720 in Venedig. Nachdem Vivaldi bis 1718 als Impresario am Teatro San Angelo in der Opernmetropole große Erfolge gefeiert hatte, hatte er Venedig zunächst verlassen und war von Prinz Philipp zu Hessen-Darmstadt als „maestro di capella da camera“ an den Hof von Mantua verpflichtet worden. Zwei Jahre später zog es ihn wieder nach Venedig, um unter anderem die genannte Oper zur Uraufführung zu bringen. Ein großer Erfolg war dem Werk damals allerdings nicht beschert. Vielleicht lag es an der von den Venezianern als zu unmoralisch betrachteten Handlung, die zwar in einem fernen Sultanat angesiedelt war, aber dennoch unliebsame Parallelen zum eigenen Leben in der Lagunenstadt aufwies, die man nur ungern vor Augen geführt bekam. Vielleicht war Vivaldis Stil für den sich schnell ändernden Musikgeschmack der Venezianer nicht mehr zeitgemäß, so dass seiner Oper keine große Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Die Handlung ist ziemlich abstrus, könnte allerdings aus einer modernen Soap-Opera stammen. Der Sultan Mamud hat ungefähr zur gleichen Zeit mit seiner Gattin Rustena und seiner Dienerin Damira einen Sohn gezeugt. Um Damiras Machtgier zu befriedigen, hat er die beiden Babys in der Wiege vertauscht, so dass nun Damiras Sohn Melindo als legitimer Erbe des Sultans aufwächst und Rustenas Sohn Zelim als vermeintlicher Bastard. Als durch die Hochzeit mit der schönen Rosane zwei Reiche zusammengeführt werden sollen, plagt Mamud das schlechte Gewissen, und er will Zelim wieder als rechtmäßigen Thronfolger einsetzen, zumal dieser einst mit Rosane liiert war. Melindo will diese Degradierung natürlich nicht akzeptieren, da er ebenfalls in Rosane verliebt ist und sie heiraten möchte. Rosane weiß eigentlich nicht, was sie will. Einerseits liebt sie Melindo, andererseits will sie auch den Thronfolger heiraten. Rustena ist über den Betrug ihres Mannes entsetzt und hat große Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass der sanfte Zelim ihr Sohn sein soll, da Melindo in ihren Augen einen wesentlich stärkeren Herrscher abgeben würde. Damira will mit allen Mitteln verhindern, dass ihr Sohn Melindo seinen Anspruch auf den Thron verliert, und bezichtigt Mamud der Lüge. Als Mamud ihr androht, Melindo töten zu lassen, wenn sie kein schriftliches Geständnis unterzeichnet, dass Melindo ihr eigenes Kind sei, droht die Situation zu eskalieren. Melindo will sich aus Verzweiflung das Leben nehmen, weil er Rosane nicht heiraten darf. Da lenkt Zelim schließlich ein und gibt Rosane für seinen Halbbruder frei, zumal er erkennt, dass sie eigentlich Melindo liebt. So werden die beiden Reiche zwar nicht zusammengeführt, aber Melindo wird zum Herrscher über Rosanes Reich und Zelim auf diese Weise von allen als Mamuds Thronfolger akzeptiert.

Das Regie-Team um Yona Kim verzichtet auf jedweden Exotismus und siedelt die Geschichte in einer Zeit an, in der Patchwork-Familien zum Alltag gehören. So lassen sich Rustena und Damira als Gattin und Geliebte optisch kaum unterscheiden. Rustena wirkt in ihrem dunkelgrünen Cocktail-Kleid vielleicht ein bisschen mondäner als die „Haushälterin“ Damira, die vor ihrem hellgrünen Kostüm eine weiße Schürze trägt. Vier Statistinnen sind als Dienerinnen in ähnliche Kostüme gekleidet, was vermuten lässt, dass sie ebenfalls ein Verhältnis mit dem Hausherrn haben oder gehabt haben, zumal sie nach der Pause im Hintergrund mit einem mondänen Pelzmantel auftreten. Die beiden Söhne tragen am Anfang kurze Hosen, wobei sich Zelims Milde in eher helleren und blassen Farben äußert, während Melindo in dunklen Tönen sehr willensstark wirkt. Wieso Zelim am ganzen Körper tätowiert ist, erschließt sich nicht wirklich. Rosane wird als attraktive junge Frau gezeichnet, die sich stark von Äußerlichkeiten leiten lässt. Durch eine geschickte Personenregie wird angedeutet, dass sie zwischen den beiden jungen Männern hin- und hergerissen ist, auch wenn sie sich schließlich eingestehen muss, dass sie sich stärker zu Melindo hingezogen fühlt. So wehrt sie sich auch vehement gegen Zelims Annäherungsversuche, die zum Ende hin in Brutalität münden. Das Bühnenbild von Jan Freese ist relativ nüchtern gehalten und beschränkt sich auf wenige Requisiten. Mit zusätzlichen Vorhängen wird Mamuds herrschaftliches Haus in unterschiedliche Räume geteilt, wobei die stets wehenden Vorhänge auch die innerliche Unruhe der Figuren charakterisieren.

Durch eine ausgeklügelte Personenregie gelingt es Kim, die im Libretto etwas holzschnittartig angelegten Figuren zu nachvollziehbaren Charakteren zu formen. Wenn Melindo und Zelim erstmals erfahren, dass sie in der Wiege vertauscht worden sind und Zelim der rechtmäßige Thronfolger ist, irren sie mit verbundenen Augen leicht verwirrt über die Bühne, weil sie zunächst nicht wissen, wie sie mit dieser Information umgehen sollen. Auch Rosane hat die Augen verbunden, weil ihr gar nicht mehr klar ist, ob sie sich nun aus politischem Kalkül für Zelim oder aus Liebe für Melindo entscheiden soll. Später tragen auch Rustena, Damira und Mamud schwarze Augenbinden, weil sie nicht abschätzen können, welche Konsequenzen Mamuds Offenbarung noch haben wird. Dass Mamud als Patriarch keinerlei Skrupel hat, seinen Willen durchzusetzen, wird szenisch sowohl in Auseinandersetzungen mit seiner Frau und seiner Geliebten als auch mit Rosane deutlich, der er ebenfalls unmissverständlich klar macht, dass sie keine Wahl hat, sondern Zelim heiraten muss. Gut nachvollziehbar arbeitet Kim auch den Wandel in Zelims Charakter heraus, der als Thronfolger schnell die Brutalität seines Vaters kopiert. Wieso er dann aber schließlich doch einlenkt und Rosane dem Halbbruder überlässt, lässt sich selbst mit einer noch so guten Personenregie nicht erklären. Unklar bleibt ebenfalls, wessen Asche sich in der Urne befindet, die Melindo kurz vor der Pause über den Bühnenboden ausleert.

Das lieto fine verweigert Kim in ihrer Inszenierung, da es nicht glaubwürdig erscheint. Bereits relativ früh wird angedeutet, dass bei Rustena der Plan entsteht, Mamud zu töten. Als Melindo erfährt, dass sein Halbbruder Zelim der eigentliche Thronfolger sein soll, richtet er in seinem jugendlichen Zorn eine Waffe auf seinen Vater, die ihm Rustena entwendet und gut aufbewahrt, um später an ihrem Gatten für den Betrug Rache zu nehmen. Auch für Damira gibt es keine friedliche Lösung nach der Offenbarung der Wahrheit. Sobald Mamud ihr androht, Melindo zu töten, wenn sie das Geständnis über den Tausch in der Wiege nicht unterschreibt, reift in ihr der Entschluss, Mamud dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Zur Hochzeit von Melindo und Rosena kleiden sich sowohl Rustena als auch Damira bereits als Witwen, und Damira reicht beim glücklichen Schlussgesang Mamud einen vergifteten Becher, während Rustena die Waffe auf ihren Gatten richtet und die übrigen Dienstmädchen in schwarzer Trauerkleidung vor einem festlich geschmückten Sarg stehen. Bevor Mamud trinkt beziehungsweise Rustena abdrückt, verlöscht allerdings das Licht.

Musikalisch weist die Oper einige Höhepunkte auf, die von den Solisten großartig umgesetzt werden. Zu nennen ist hier beispielsweise das große Quintett „Anima mia, mio ben“ am Ende des zweiten Aktes, in dem Damira, Rustena, Melindo und Zelim tief gekränkt und ratlos über Mamuds Enthüllungen sind und ihrer Verunsicherung in einer wunderbar musikalischen Melancholie bewegend Ausdruck verleihen, während Mamud relativ schroff einfordert, seine Entscheidungen zu akzeptieren. Francisco Fernández-Rueda verleiht dem Familienoberhaupt mit beweglichem Tenor und machohaftem Spiel eine glaubhafte Autorität. Shahar Lavi und Franziska Gottwald punkten als seine Gattin Rustena und seine Geliebte Damira mit dunklem Mezzosopran. Lavi interpretiert die betrogene Ehefrau sehr kühl und beherrscht und glänzt mit flexiblen Koloraturen. Hervorzuheben sind ihre große Arie „Fragil fior, ch’appena nasce“ im zweiten Akt, in der sie mit sanfter Stimme ihr Los als betrogene Ehefrau beklagt. Einen weiteren Glanzpunkt stellt ihre große Arie „Cara sorte di chi nata“ im dritten Akt dar, wenn sie sich scheinbar glücklich über den friedlichen Ausgang äußert und mit sauber ausgesungenen Koloraturen in einen Dialog mit einer Piccoloflöte tritt. Gottwald gestaltet die Dienerin mit kämpferischen Läufen in ihrer großen Arie „Se l’acquisto di quel soglio“ im ersten Akt, wenn sie ihrer Wut über Mamuds Entscheidung freien Lauf lässt, und beweist in der Arie „Lagrimette alle pupille“ im dritten Akt, nachdem sie gezwungen wurde, das Geständnis zu unterschreiben, dass sie auch sehr leidende Töne anschlagen kann.

Die Partie des Zelim ist mit dem Sopranisten Philipp Mathmann besetzt, der die Sanftheit des Charakters durch eine sehr weiche und hohe Kopfstimme unterstreicht. Hervorzuheben ist seine Arie „Tu m’offendi“ im ersten Akt, in der er beklagt, dass Rosane Melindo den Vorzug gibt. Mit halsbrecherischen Koloraturen präsentiert er großes Selbstbewusstsein, nachdem Mamud ihn zum rechtmäßigen Thronfolger ernannt hat. David DQ Lee legt die Partie des unehelichen Sohns Melindo wesentlich viriler an und steigt bei seinem Gesang manches Mal in eine dunklere Bruststimme hinab. Ein musikalischer Höhepunkt ist seine Arie „Mi vuol tradir, lo so“ im ersten Akt, wenn er sich von seinem Vater verraten glaubt und nicht wahrhaben will, dass er nur der Sohn der Dienerin sein soll. Mit grandiosen Koloraturen glänzt er auch in der großen Verzweiflungsarie „Crudele, tu brami“, in der er sich das Leben nehmen will, weil er sich von Rosane verraten fühlt. Francesca Lombardi-Mazzulli gestaltet die Partie der von beiden begehrten Rosane mit leuchtendem Sopran und strahlenden Höhen. Einen weiteren Glanzpunkt stellt das Terzett der drei, „Aure placide, e serene“, dar, in dem die drei Stimmen in wunderbarem Einklang die Verwirrung und das Unverständnis über die momentane Situation ausdrücken. Das Philharmonische Orchester Heidelberg rundet unter der Leitung von Davide Perniceni den Abend hervorragend ab, so dass es so großen Applaus für alle Beteiligten gibt, dass die Solisten als Zugabe den Schlusschor noch einmal anstimmen.

FAZIT

Yona Kim findet einen überzeugenden Zugang zu der recht abstrusen Handlung, ohne die Geschichte gegen den Strich zu bürsten. Auch musikalisch überzeugt die Produktion auf ganzer Linie.